Abhilfe für die problematische Plastikflut | Hallowil.ch

2022-03-11 03:48:18 By : Mr. Ian Sun

Zahnbürsten, Shampooflaschen, Kleiderbügel, in Haushalten sind Produkte aus Kunststoffen allgegenwärtig. Die praktischen Helfer im Alltag haben nicht nur Vorteile, sie können zur Belastung werden. Auf der Umweltversammlung der Vereinten Nationen in Nairobi wird derzeit ein internationales Abkommen für den Umgang mit dem Plastikmüll ausgehandelt.

Einst waren sie der Renner, heute findet man sie als nostalgische Kuriositäten auf den Flohmärkten, die dunkelbraunen und schwarzen Produkte aus Bakelit. Der aus Belgien stammender Chemiker Leo Hendrik Baekeland stellte 1909 in den USA den ersten echten Kunststoff vor.

Kulturwissenschaftler sehen in der Erfindung des Kunststoffs vor über hundert Jahren eine ähnlich epochale Veränderung der Kultur, wie beispielsweise die Entwicklung der Bronzeverarbeitung vor rund 6000 Jahren; Bakelit bereitete den Weg ins Plastikzeitalter vor. 

Wobei dieser Begriff einen sehr ungenauen Eindruck erweckt: Was umgangssprachlich als Plastik bezeichnet wird, fächert sich in eine Palette an Werkstoffen mit unterschiedlichsten Eigenschaften auf.

Ab Ende der 30er Jahren des letzten Jahrhunderts erschienen nach und nach Kunststofftypen auf dem Markt, die gegenüber Bakelit verbesserte Eigenschaften haben. Manche von ihnen sind besonders hitzeresistent, andere extrem belastbar, weitere unempfindlich gegen Säuren. 

Ihre zusätzlichen Vorteile liegen auf der Hand: gering an Gewicht, bruchfest, tiefe Produktionskosten, leicht einzufärben, vielseitig einsetzbar, lange haltbar.

Kunststoffe verrotten kaum. Werden sie nicht sachgerecht entsorgt, sind sie eine Umweltbelastung. In den Weltmeeren treiben rund 100 Millionen Tonnen Kunststoffmüll, Tendenz steigend. Er stammt hauptsächlich von verlorenen Schiffsladungen, von über Bord geworfenem Abfall sowie aus Treibgut aus Flüssen die dem Meer zufliessen. 

Nach Expertenschätzungen verenden am ihm jährlich mehrere hunderttausend Tiere: Seehunde, die sich in grösseren Teilen verheddern, Fische, die Partikel für Plankton halten und Wasservögel, die sie als Nahrung verschlucken; trotz gefülltem Magen verhungern sie.

Ungefährlichere biologisch abbaubare Kunststoffe sind bereits entwickelt worden, aber sie führen – nicht zuletzt aus Kostengründen – derzeit ein Nischendasein. Längerfristig könnte sich dies ändern. Dazu müssen die Eigenschaften zum Teil weiter optimiert werden. 

Biologische Kunststoffe sind derzeit noch weniger widerstandsfähig als herkömmliche und daher nur begrenzt einsetzbar.

Das Dasein in der Moderne spielt sich weitgehend innerhalb von herkömmlichen Kunststoffen ab: Zahnbürsten, Tiegel von Körperpflegeprodukten, Blisterverpackungen von Medikamenten, Vorratsdosen, Joghurtbecher, Latexhandschuhe, Wasserleitungen, Elektrokabel, Armaturen von Autos, Einkaufstüten, elektrische Wasserkocher, Schneidebretter, Haltegriffe von Pfannen, Besteck und Werkzeugen, Kinderspielzeug, Blumentöpfe, Sonnenbrillen, Innenbeschichtungen von Konservendosen, Gartenstühle, Regenbekleidung - die Liste liesse sich noch um zahlreiche Gegenstände verlängern. 

Pro Jahr werden weltweit rund 240 Millionen Tonnen Kunststoffe produziert. In Europa verbraucht eine Person pro Jahr rund 92 Kilogramm unterschiedlichste Produkte aus ihnen.

Ausgangsmaterial vieler Kunststoffe ist Erdöl. Im Laufe des Produktionsverfahrens werden sogenannte Additive, Zusatzstoffe, beigemengt. Sie machen etwa das Endprodukt besonders formbar, beziehungsweise besonders formstabil.

Ein Teil dieser Zusatzstoffe können zur Gefahr für die Gesundheit werden. Einer von ihnen ist beispielsweise DEHP (Diethylhexylphthalat). Er wird vor allem als Weichmacher von PVC-Produkten eingesetzt. DEHP wirkt sich auf Nieren, Leber und Hoden schädigend aus. Weichmacher wie DEHP, auch als Phthalate bezeichnet, gehören zu den besonders umstrittenen Stoffen. Die chemische Industrie verwendet rund 25 verschiedene Typen von ihnen. Nicht alle gelten als gesundheitsgefährdend. 

Als besonders schädlich für die Fortpflanzungsfähigkeit bewertet die EU neben DEHP auch DBP sowie BBP. Die Behörden der Europäischen Union haben daher deren Verwendung in Babyartikeln und Kinderspielzeug untersagt

Zu den weiter besonders problematischen Substanzen gehört Bisphenol A (BPA), einer Art Streckmittel bei der Kunstoffherstellung, es macht den Werkstoff besonders stabil und preisgünstig. Sein Nachteil: Er wirkt im Menschen wie ein Hormon, als Folge davon können die Fortpflanzungsfähigkeit sowie der Geschlechtstrieb ungünstig beeinflusst werden. Er wird gelegentlich als Plastikhormon bezeichnet. Im Weiteren beschleuniget er das Wachstum von Fettzellen und sorgt damit für Fettleibigkeit. Er steht auch im Verdacht Diabetes, Herzkrankheiten, Allergien sowie Verhaltensaufälligkeiten zu begünstigen. Zwar gibt es verschiedene Hinweise auf diese Risiken, abschliessend bewiesen sind die krankmachende Wirkungen nicht.

Wie kann man als Konsument selber den Kontakt mit diesen zweifelhaften Substanzen reduzieren? In dem man weniger konservierte Lebensmittel verwendet und mehr auf frisch zubereitete Bio-Gemüse und -Fleisch setzt, rät der deutsche Buchautor und Journalist Hans-Ulrich Grimm. Seit Jahren verfolgt er mit sehr kritischem Blick die Praktiken der Nahrungsmittelindustrie. 

Frischprodukte sind nur wenig mit Plastik in Berührung gekommen. Entsprechend kürzer sind mögliche Einwirkungszeiten von problematischen Inhaltsstoffen.

Besonders intensiv werden manche Substanz unter Wärmeeinfluss gelöst. Konkret: Plastikbecher und – schüsseln können im Geschirrspüler das übrige Geschirr mit Bisphenol A benetzen. Und auch in der Mikrowelle kann die Substanz in manchen Behältern besonders intensiv freigesetzt werden. Am besten verwendet man in der Mikrowelle Glasgeschirr. Im Geschirrspüler sollten Kunststoffteile in einem separaten Durchgang gereinigt werden.

Beim Kauf von Spielzeug für Kleinkinder sollte man auf Produkte aus Polypropylen (PP), Polyethylen (PE) oder Acetyl-Butyl-Styrol (ABS) achten, sie enthalten keine problematischen Inhaltsstoffe. 

Wo kein Herstellungsmaterial speziell vermerkt ist, muss man mit PVC und den entsprechenden heimtückischen Weichmachern rechnen. Insbesondere bei sehr preiswertem Spielzeug aus Fernost kann dies zutreffen.

Manche Spielsachen tragen auch den Vermerk «PVC-frei» oder «Phthalatfrei» oder «Weichmacherfrei», auch ihnen sollte man den Vorzug geben. 

Als Alternative kann man auch auf Flohmärkten nach gebrauchtem Spielzeug Ausschau halten, problematische Inhaltsstoffe verflüchtigen sich mit der Zeit als Dämpfe. Secondhand-Spielzeug gibt kaum mehr schädliche Inhaltsstoffe an die Umgebung gab.